Adé - Tastatur, Maus und App! – Interview mit Prof. Peter Wippermann

Interview mit Trendforscher Prof. Peter Wippermann
Trendforscher Prof. Peter Wippermann: „In den Haushalten wird es wahrscheinlich nur eine einzige Sprach-Software geben, mit der man alles bedienen kann – vom smarten Zuhause bis hin zum Bezahlen.“


Roboter, Chatbots und Co: Medien berichten täglich über Künstliche Intelligenz (KI); außerdem ein Dauerbrenner im Internet und in sozialen Netzwerken. Wie wird KI unseren Alltag in naher Zukunft verändern? Wir haben mit dem Trendforscher Peter Wippermann darüber gesprochen.


KI ist in aller Munde, möchte man meinen. Sprechen Sie als Trendforscher da überhaupt noch von einem „Zukunftsthema“?

Professor Peter Wippermann: In der Tat ist es ein zentrales Thema, das seit rund einem Jahr intensiv diskutiert wird, gerade in den Medien. Aber: Es ist immer noch eine eher fachliche Debatte. Für die breite Öffentlichkeit spielt es zurzeit noch keine Rolle. Wie auch der zurückliegende Wahlkampf zeigt, hat das Thema die Politik noch nicht erreicht. Wie bei allen Zukunftsthemen gilt: Neues wird entwickelt, dann springen die Publikumsmedien darauf an und machen es erstmal aktueller als es eigentlich ist. Nicht zuletzt gibt es viele, die sich überfordert fühlen und sich so einer Innovation erst einmal versperren.


Wie wird KI dann in der Zukunft in der breiten Öffentlichkeit ankommen?

Wippermann: Die meisten werden sich einfach keine Gedanken machen, was hinter neuen Anwendungen steckt oder sie werden es schlicht nicht wissen. So sagen heute schon rund die Hälfte der Verbraucher, dass es ihnen egal ist, ob ein Computer oder ein Mensch einen Service erbringt. Hauptsache, ihnen wird geholfen. Das geht aus einer Studie des Handelsunternehmens QVC hervor. Die Frage ist also nicht „Was steckt dahinter“, sondern eher: "Was nützt mir das".


Wie wird KI das Alltagsleben der Menschen in, sagen wir, fünf Jahren, am augenscheinlichsten verändert haben?

Wippermann: Es wird kaum mehr Tastaturen geben oder Apps - alles läuft dann über Sprache. Schon 2020 werden ein Drittel aller Suchanfragen im Internet so eingegeben – laut einer Studie von Business Insider, 2016. Künstliche Intelligenz ermöglicht, dass wir dabei so reden werden, wie wir immer reden – die Systeme werden uns erkennen, verstehen und wissen, was wir gerne mögen und machen. Große Schulterschlüsse in der Wirtschaft zeigen dabei jetzt schon, wohin die Reise geht. Microsoft und Amazon verbinden ihre digitalen Sprach-Assistenten, Wal Mart kooperiert mit Google Home. Das zeigt: In den Haushalten wird es wahrscheinlich nur eine einzige Sprach-Software geben, mit der man alles bedienen kann – vom smarten Zuhause bis hin zum Bezahlen.


Wie sieht es dann im Berufsleben aus?

Wippermann: Es gibt unterschiedliche Prognosen. Eine erste Untersuchung hatte ergeben: Mit der nun entstehenden, sogenannten Netzgesellschaft verschwindet ein Großteil der Jobs aus der bisherigen Industriegesellschaft. Inzwischen ist man vorsichtiger. Es weiß keiner, wie schnell eine Gesamtwirtschaft all die technologischen Möglichkeiten aufgreift und andere Arbeitsverhältnisse schafft. Mein Eindruck ist: Manche Jobs und Berufe werden verschwinden, aber die Arbeit geht nicht aus. Neues entsteht, das man im Moment noch gar nicht sieht. Nehmen Sie als Beispiel Social Media. Es wurde in Mitte der 90er Jahren populär, und heute kann man die Fertigkeiten für den Social Media Manager an Hochschulen erlernen. Fest steht: Lebenslanges Lernen bekommt eine neue Bedeutung. So bietet Udacity  - das Unternehmen gehört inzwischen zu Bertelsmann - für IT-Spezialisten praxisorientierte Onlinelehrgänge mit Zertifikat an, auch für KI.


Was für Tätigkeiten werden denn wegfallen - interessant für mich natürlich: im Journalismus beispielsweise?

Wippermann: Wir haben in der Zukunftsforschung eine Faustformel: Alles, was man abschließend beschreiben kann, wird Programm. Also etwa sich ständig täglich wiederholende Tätigkeiten. Ein Beispiel aus der Modebranche: Dort steht bald die Fertigung für das individuelle und vollautomatisch genähte T-Shirt für 30 US-Cent in den Startlöchern. Amazon hält ein Patent für On-Demand Fashion darauf. Hinzu kommen andere Entwicklungen. Etwa die Blockchain. Damit werden zum Beispiel die vielen Verträge oder Schriftstücke, die in den Gliedern von Logistikketten erstellt werden und die Transporte begleiten, überflüssig - und die entsprechenden Mittler-Tätigkeiten gleich mit. Aber zurück zu Ihnen und zur KI: Intelligente Schreibcomputer übernehmen beispielsweise Artikel in der Sport- und Wirtschaftsberichterstattung, also wenn etwa Zahlen und Ergebnisse zusammengetragen werden. Geht es um neue Ideen und Gedanken, werden KI-Roboter den Journalisten nicht ablösen – sicherlich aber bei der Arbeit unterstützen. Beispiele sind hier etwa Kommentare und Feuilletonberichte.


Das beruhigt etwas. Fest steht sicherlich: Ob beruflich oder privat – der Alltag wird mit KI einfacher …

Wippermann: Auf jeden Fall. Wir Zukunftsforscher sehen aber eine Janusköpfigkeit und reden eher von "Simplexity". Je mehr die Technik den Alltag des Menschen vereinfacht, desto aufwändiger wird sie sein, sie wird eine hohe Komplexität mit sich bringen für die Anbieter dieser Systeme ...


... die dann wiederum Fachkräfte brauchen, um alles zu entwickeln und zu managen. Einschlägige Spezialisten, etwa für Machine Learning, Big Data oder fürs Programmieren, sind rar. Wie sollen sich IT-Unternehmen darauf einstellen?

Wippermann: Erfolgreiche Start-ups wollen eine bessere Welt gestalten. Tesla zum Beispiel vernetzt die bisher getrennten Branchen Elektromobilität und Energieerzeugung und setzt die alten Branchen durch seine Innovationen unter Handlungszwang. Diese Unternehmen strahlen eine große Faszination und Anziehungskraft auf Absolventen oder spezialisierte Fachleute aus. Klassische Platzhirsche tun da gut daran, alte Strukturen einzureißen, um neue aufzubauen. Mitarbeiter wollen sinnvolle Arbeiten machen, ihre Kreativität einbringen und Dinge voranbringen. Arbeitgeber brauchen eine klare Positionierung, wofür sie stehen, warum sie existieren. Klassische Unternehmen bekommen neue innovative Arbeitskräfte, wenn sie eine zukunftsorientierte Haltung haben und nicht ausschließlich auf den Gewinn achten. Beispiel Automobilbranche: Hier geht der Trend zur Sharing Economy mit autonom fahrenden Fahrzeugen. Das Autoverkaufen tritt in den Hintergrund, vielmehr wird morgen Mobilität angeboten. So ein Wandel wird hart sein. Aber die Karawane der Innovatoren ist bereits auf dem Weg.

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Peter Wippermann ...

... ist einer der renommiertesten deutschen Trendforscher. Er war von 1993 bis 2016 Professor für Kommunikationsdesign an der Folkwang Universität der Künste in Essen. 1992 gründete er das Hamburger Trendbüro als "Beratungsunternehmen für gesellschaftlichen Wandel". 2002 hob er die Lead Academy für Mediendesign (seit 2002) aus der Taufe. Der 68-Jährige ist überdies Herausgeber des Trendmagazins „inspire“ und von „Jahr der Werbung“ (Econ Verlag). Bücher  u.a.: Werte-Index 2018, Wertewandel in Deutschland, 2017, sowie „Wie kauft Deutschland übermorgen ein?“ (QVC-Zukunftsstudie 2016).

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