Design ist immer das, was zwischen dem Menschen und dem anderen vermittelt

Vitra Design Museum / Mark Niedermann
Vitra Design Museum / Mark Niedermann

Interview mit Amelie Klein, Kuratorin

Ob Lieferdrohnen, intelligente Sensoren oder Industrie 4.0 – seit einigen Jahren hält die Robotik Einzug in unser Leben und verändert unseren Alltag grundlegend. Dabei spielt Design eine zentrale Rolle, denn es sind Designer, die die Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine gestalten. Das Vitra Design Museum, das MAK – Museum für Angewandte Kunst in Wien und das Design Museum Gent gestalteten gemeinsam die Ausstellung „Hello, Robot. Design zwischen Mensch und Maschine“ , die nach ihrer Eröffnung in Weil am Rhein derzeit in Wien und ab Herbst in Gent zu sehen sein wird. Amelie Klein war Teil des Kuratorenteams. Mit uns sprach sie über die Funktion und Aufgabe von Design von Robotern, künstlichen Intelligenzen und Chat-Bots.


Wie definieren Sie einen Roboter? Ist ein Chat-Bot ein Roboter?


Die eine alleingültige Definition des Roboters gibt es nicht. Aber wir haben uns an Carlo Ratti gehalten, einem Professor am MIT, Experte für die Smart City und Berater der Ausstellung, und demnach muss ein Roboter letztlich nur drei Kriterien erfüllen: Erstens hat er Sensoren, also Apparate oder Geräte, die Daten sammeln. Zweitens hat er Intelligenz, eine Software, die diese Daten interpretiert. Und drittens hat ein Roboter Aktoren, das sind wieder Geräte und Apparate, die eine physisch oder physikalisch messbare Reaktion auf diese Interpretation generieren. Also Licht, Sound, Bewegung oder was auch immer. Damit kann alles zum Roboter werden, was wir in unserer dreidimensionalen physischen, aber auch in unserer digitalen Welt kennen. Letztlich ist damit auch ein Chat-Bot ein Roboter, denn jeder Lichtpunkt, der am Bildschirm angeht, ist eine physikalisch messbare Reaktion. In jedem Fall ist der Roboter nicht nur das Männchen auf zwei Beinen, das wir erwarten und das uns, je nachdem wie es programmiert ist, dient oder zerstört, sondern der Roboter ist unser Smart Home oder auch unser Smartphone. Alles kann zum Roboter werden, in dem Moment, wo diese drei Kriterien erfüllt sind. Der Roboter ist all das, was wir aus dem Internet kennen, doch es überwindet den Bildschirm und durchdringt alles rund um uns. Das ist eine sehr breite Definition eines Roboters, aber sie macht viel Sinn. Fachleute haben zwar im ersten Moment vor Empörung nach Luft geschnappt, aber bei näherer Betrachtung dann zugegeben, dass sie dieser Definition schon auch folgen können.


Warum eine Ausstellung über Roboter und Design? Warum muss das ins Museum?


Roboter sind schon lange im Museum, zum Beispiel in technischen Ausstellungen. Da wird vor allem die neue Technologie gefeiert, der neue Greifarm, der kleine Roboter namens Pepper und so weiter. Da geht es um Zukunftseuphorie. Oder im Bereich der bildenden Kunst, wenn sich Künstler tendenziell eher mit dystopischen Szenarien rund um diese zukünftigen Technologien auseinandersetzen. Das spiegelt auch den Diskurs wieder, der über das Thema vorzuherrschen scheint, über Technologie im Allgemeinen, aber Robotik im ganz Besonderen. Zum einen hören wir oft: oh Mann, Wahnsinn, ist das super! Zum anderen: um Gottes Willen, wir sind verdammt, das Ende der Welt naht! Etwas dazwischen, eine Ausstellung, in der beide Positionen noch Platz haben, hat es bisher so nicht gegeben. Das ist genau der Grund, warum wir fanden, es sei an der Zeit, aus Designperspektive auf das Thema zu schauen. Denn das ist genau der Platz von Design: dazwischen. Beziehungsweise: Dinge, die erst einmal nicht gemeinsam denkbar sind, gemeinsam denkbar zu machen. Das kommt der Realität meiner Meinung nach auch am nächsten. Denn einerseits eröffnen Technologie im Allgemeinen und Robotik im Besonderen aufregende neue Entwicklungen und Möglichkeiten, die uns in vielerlei Hinsicht das Leben leichter machen werden oder schon machen. Auf der anderen Seite gibt es auch viele Aspekte, die wir kritisch betrachten und diskutieren müssen.


An welcher Stelle hilft uns Design, kritisch auf das Thema zu schauen?


Wenn Sie Design nicht nur im traditionellen Sinne verstehen – als Formgeber und Anbieter von Lösungen –, dann gelingt das sehr gut. Wir haben in der Ausstellung viele Arbeiten aus dem Bereich der so genannten Design Fiction. Designer aus diesem Bereich überlegen sich, wie die Zukunft aussehen könnte. Sie stellen dabei eher Fragen, als dass sie Antworten liefern. Das ist eine sehr wichtige Funktion, die nicht nur die Kunst, sondern auch Design übernehmen muss, gerade im Hinblick auf die Zukunft. Sich zu überlegen, was passiert, wenn wir eine Problemstellung so oder anders oder gar nicht lösen. Das ist eine ebenso wichtige Funktion von Design wie eine intelligente Benutzeroberfläche zu schaffen. Design ist das, was Innovation für den Menschen nutzbar macht, das, was Technologie für uns greifbar macht. Design ist immer das, was zwischen dem Menschen und dem anderen vermittelt: zwischen Mensch und Maschine, zwischen unserem Allerwertesten und einer Sitzoberfläche oder zwischen unseren diffusen Ängsten von heute und der sinnvollen Umsetzung von Technologie morgen. Deswegen ist Design so wichtig. Deswegen ist Design auch als eine Instanz wichtig, die auch kritische Fragen stellt und nicht nur „hurra, hurra“ schreit. Das ist eine wahnsinnig wichtige Funktion von Design, die leider Gottes vor allem im deutschsprachigen Raum so oft nicht wahrgenommen wird, weil bei dem Wort Design in erster Linie an Möbel gedacht wird. Aber das ist wirklich eine grobe, sträfliche Unterschätzung davon, was Design leistet und leisten kann.


In welchem Verhältnis stehen dabei Design und Usability?


Usability ist Design. Ob etwas jetzt gut oder schlecht gelöst ist, ist wieder ein anderes Thema. Aber Usability ist wirklich Design in Reinkultur. Sonst wären diese ganzen Codes und Programme nicht nutzbar für den Menschen.


Welche Rolle spielt Design bei der Akzeptanz von künstlicher Intelligenz? Oder anders gefragt: Will uns Design verführen?


Design wird oft als Marketinginstrument missbraucht. Design in seiner besten Ausformung und Formulierung hingegen will uns nicht verführen, sondern uns die Möglichkeiten eines Angebotes offenbaren. Design ist das, was es uns Menschen erlaubt, Dinge, die sonst vielleicht zu komplex, zu schwierig sind, für uns zu erläutern. Und ich verwende absichtlich dieses Wort, denn es geht nicht darum, Dinge einfacher zu machen. Design macht die Dinge nicht immer einfacher, weil manchmal Design auch aufzeigen will, dass etwas nicht so funktioniert, wie es sollte. Wie gesagt, ich halte sehr viel von Design als einem Mittel, um auch Fragen zu stellen und nicht nur um Antworten zu geben. Gerade weil Design eine vielleicht verständlichere Sprache spricht als die bildende Kunst, ist es umso wichtiger, mit Mitteln des Designs auch Dinge in Frage zu stellen. Deswegen glaube ich nicht, dass Design immer nur verführt. Design erläutert und macht die Dinge, die sich dem Menschen vielleicht sonst nicht erschließen, leichter verständlich. Manchmal bestätigt es auch, dass etwas nicht funktioniert oder dass etwas problematisch ist.


Warum ist zum Beispiel Echo von Amazon genau so designt wie es aussieht?


Ganz ehrlich: Apple hätte sich da mehr einfallen lassen. Aber diese Dose ist auch nicht einfach nur schlechtes Design, wenn man sich die Zielsetzung anschaut. Amazon probiert, dass Ding unsichtbar zu machen. Und das funktioniert mit diesem Äußeren ganz gut, denn der schwarze Zylinder verschwindet in seiner Umgebung und wir nehmen ihn nicht wahr. In dieser Hinsicht ist es natürlich zielführend designt, weil die Menschen, die sich das hinstellen, oft vergessen, dass es da ist.


Viele Chat-Bots, auch Tinka von der Telekom, sind nicht bloß eine anonyme Maschine, sondern haben einen Charakter. Was ist hier die Absicht?


Auch das ist Design. Wenn wir von Design im digitalen Bereich im 21. Jahrhundert sprechen, dann sprechen wir nicht mehr von Form und Funktion, das lässt sich an Robotern wunderbar erläutern. Eine robotische Leuchte unterscheidet sich von einer nicht-robotischen Leuchte nicht dadurch, dass sie eine andere Form hat. Die können beide genau gleich aussehen. Sie unterscheiden sich auch nicht durch ihre Funktion. Sie machen beide Licht. Sie unterscheiden sich dadurch, dass es eine Interaktion gibt. Die nicht-robotische Leuchte interagiert mit mir über einen Schalter, den ich an- und abschalte. Die robotische Leuchte interagiert in einer wesentlich komplexeren Art und Weise mit mir. Sie weiß, wann ich nach Hause komme, sie weiß, welche Art von Licht ich wann mag und sie ist wahrscheinlich nicht nur eine Leuchte, sondern ein ganzes Lichtsystem bei mir zuhause. Sie weiß genau, wohin ich mich gerade bewege, wo ich in meiner Wohnung bin, was ich dort mache und brauche. Das ist eine vollkommen andere Interaktion und diese Interaktion wird designt.


Es geht also um das Design von Interaktionen?


Genau. Und während wir so interagieren, das Licht und ich, entsteht eine Beziehung. Das heißt, es geht auch um das Design von Beziehungen. Das ist ganz elementar und wesentlich. Bei Chat-Bots geht es ebenfalls um Interaktion, aber auch um Beziehungen. Darum hat Design im digitalen Bereich im 21. Jahrhundert eine wichtige Funktion und darum ist es so wichtig, dass wir auch gut aufpassen, was da passiert. Schauen wir noch mal zu Alexa. Sie ist so designt, dass wir uns gar nicht groß Gedanken um sie machen. Sie soll ein guter Geist sein, aber nicht zu auffällig. Das ist Absicht, das sind Designentscheidungen. Diese Entscheidungen müssen wir sehr ernst nehmen und wir müssen sie uns gut ansehen. Deswegen ist Designer im 21. Jahrhundert ein hoch politischer Beruf. Denn es ist ein Unterschied und es ist eine politische Entscheidung, ob ich als Designer für Amazon, Microsoft, Apple oder Facebook arbeite oder für jemand anderen. Ob ich ein Objekt transparent gestalte und so, dass ich als Konsument Wahlmöglichkeiten habe, wie ich das Gerät nutzen will oder ob es so designt wird, dass ich diese Wahlmöglichkeiten nicht habe. All das sind politische Entscheidungen. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, denn viele Designer haben diese politische Dimension ihres Berufes noch nicht begriffen und sind sich der Verantwortung nicht bewusst.

Design ist das, was Technologie zum Endnutzer bringt. Design ist das, was es uns ermöglicht, diese Dinge zu nutzen. Aber auch uns manipulieren zu lassen und zur kommerziellen Ware zu machen. Alles was problematisch ist im ganzen Bereich der neuen Technologien, passiert über diesen Mediator Design. Deswegen ist Design ein hochbrisantes, ein hochpolitisches, wahnsinnig wichtiges Vehikel, das wir uns ansehen müssen.


Welche Rolle spielt Design bei der Verschmelzung von Mensch und Maschine?


Auch hier geht es um Beziehungen. Nehmen wir analog das Beispiel Kleidung. Sie mögen manche Kleidungsstücke mehr als andere, weil sie gut sitzen und weil sie sich gut anfühlen. Weil Sie sich wohlfühlen, mit und in diesen Kleidungsstücken. Weil Sie kommunizieren können, wer Sie sind und wie Sie gerne gesehen werden wollen von anderen. Wenn etwas so gestaltet ist, dass ich mich den anderen und mir selbst gegenüber präsentieren kann, wie es mein Selbstbild verlangt, dann werde ich das nutzen. Um diese Beziehung geht es.


Was denken Sie, bringt die Zukunft? Welchen Herausforderungen werden wir uns stellen müssen?


Die Zukunft bringt noch mehr dessen, was wir heute in der Gegenwart schon an Herausforderungen haben, nämlich: Wie gehen wir mit diesen neuen Technologien um, so dass wir selbstbestimmt und frei bleiben können?

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