Josette Melchor: Vielfalt wird nur durch viele Stimmen erreicht

Interview mit Josette Melchor, Kuratorin

Ihre Arbeit liegt an der Schnittstelle von Kunst und Technologie: Josette Melchor, Mitbegründerin und Leiterin der Gray Area Foundation for the Arts in San Francisco. Sie arbeitet mit Künstlern, um mit Technologien zu experimentieren und sie im Umgang mit Machine Learning und KI auszubilden. Zugleich schafft sie den Rahmen und veranstaltet Events, die Technologie als Medium vorstellen.


Was bedeutet KI für die Kunst?

Künstliche Intelligenz und Machine Learning sind neue Arten, mit der Künstler riesige Mengen Daten auf andere Weise nutzen können. Es gab bisher keine Möglichkeit für uns Menschen, diese gigantischen Daten- und Bildmengen, die wir produzieren, auch zu verarbeiten. Machine Learning und Künstliche Intelligenz ermöglichen es nun, dass Computer sich wie menschliche Gehirne verhalten und dass sie diese entstehenden Verbindungen in Beziehung setzen, verarbeiten, verstehen und verschlagworten.


Was hat es mit dem Artists and Machine Intelligence Program von Google auf sich?

Es entstand aus der Zusammenarbeitet zwischen unserer Organisation und Google im Jahr 2016. Wir organisierten seinerzeit die Benefitsauktion und Ausstellung „DeepDream: The art of neural networks“, die sich mit Googles DeepDream-Algorithmus befasste. Google und wir bringen KI und andere Technologien mit Creative Coding-Künstlern zusammen – aber auch mit Vertretern anderer Künste wie Ballett, Tanz und anderen. Dadurch erhalten wir einen anderen Blickwinkel darauf, was mit diesen Technologien alles möglich ist. KI ist eine noch so junge Technologie, dass wir gerade erst beginnen zu lernen, was man mit ihr machen kann. Auch deshalb ist es wichtig, künstlerische Standpunkte einzubeziehen.


Technologie wird in San Francisco als etwas Negatives verstanden. Können Sie das erklären?

Digital-Industrien hatten einen großen Einfluss auf die Bay Area von San Francisco. Der rasante Aufstieg von Google, der rasante Aufstieg von Facebook, der rasante Aufstieg dieses Typus von Technologie-Unternehmen führte zu einem Zuzug von Angestellten, was wiederum eine Krise am Wohnungsmarkt zur Folge hatte. Viele Menschen sehen deshalb die Technologie-Firmen in einem negativen Licht. Natürlich ist der Wohnungsmangel nicht nur auf die Technologie-Unternehmen zurückzuführen. In San Francisco werden keine hohen Häuser gebaut. Dies führt dazu, dass es einfach nicht genug Wohnraum gibt für all diejenigen, die in der Nähe des Silicon Valleys leben möchten.


Wie kann KI eine gesellschaftliche und politische Wirkung kreieren?

Wir sind in einer Phase, in der wir noch Erfahrungen sammeln. Deshalb ist es wichtig, dass die Nutzer dieser Technologie begreifen, wie man ihr etwas beibringen kann. Genauso wie man darüber nachdenkt, was und wie man einem Kind etwas beibringt. Wie soll dein Kind aufwachsen, wie die Welt wahrnehmen? Das ist so ungefähr die Art und Weise, wie man auch über das Anlernen der KI nachdenken sollte: in einfachen Schritten, von A nach B. Wenn diese Form des Nachdenkens nicht in die Programmierungen mit einfließt, könnte es negative Auswirkungen haben. Wenn die Vorstellungen von einer positiven Gesellschaft, von positiver künstlicher Intelligenz, in die Entwicklung der KI einfließen, dann wird es auch positive Auswirkungen für die Gesellschaft haben.


Wir leben in einer männlich, weiß und heterosexuell geprägten Gesellschaft - wie tragen wir dafür Sorge, dass eine KI nicht selbst diese Haltung annimmt?

Mit Technologien zu arbeiten, beziehungsweise überhaupt mit Gesellschaft zu arbeiten, bedeutet immer auch, dass man sich in den Grauzonen, in den Zwischenbereichen bewegt und dass man sicherstellt, gesellschaftliche Vielfalt an einen Tisch zu bringen. Vielfalt wird nur dadurch erreicht, dass viele Stimmen mit am Tisch sitzen. Wir brauchen also mehr Frauen in diesen Bereichen, mehr Frauen, die mitsprechen, wenn es um den sozialen Einfluss geht. Auch wenn sie keine Entwicklerinnen sind, brauchen wir ihre Stimmen, um zu erkennen, was die Implikationen sein können.


Franz Kafka hat gesagt, Kunst sei ein Spiegel, der wie eine Uhr vorgeht. Einige Projekte, die im Rahmen des Artists and Machine Intelligence Program realisiert wurden, waren sehr fortgeschritten. Sind wir reif für diese Form der Kunst?

Die Aufgabe von Künstlern ist es, auf Strömungen der Gegenwart zu reagieren, auf ihre Umgebung, darauf, was in der Gesellschaft passiert. Es ist Aufgabe der Künstler, sich die Zukunft auszumalen und dazu diese Technologien zu verwenden. Es ist ganz wichtig für Künstler, dass sie mit am Tisch sitzen, um darüber nachzudenken, was eine positive Folge sein könnte, vielleicht sogar die positive Folge einer Singularität.


Können Künstler an der Arbeit mit KI auch Geld verdienen?

Die Künstlerinnen und Künstler, die mit creative coding arbeiten, die kreativ programmieren, sind in der Regel Freelancer und verkaufen selten Algorithmen oder Kunst in Galerien. Aber sie bekommen Aufträge von Werbeagenturen und Unternehmen. Google betreibt das Artists and Machine Intelligence-Programm, das Projektförderungen für Künstler vergibt. Sie verdienen also Geld, aber nicht auf eine Weise, wie man sie sich wohl vorstellen würde.


KI ist weder männlich noch weiblich – werden also dank KI Gender-Fragen oder Feminismus obsolet?

Künstliche Intelligenz ist weder männlich noch weiblich, das ist richtig. Aber man kann sie mit jeder Art von Grundlage füttern, die eine Gesellschaft nur haben kann. Jede Grundlage kann in Programmierungen und Programme einfließen. Deshalb ist es wichtig, dass gesellschaftliche Werte bewahrt werden. Somit ist es auch wichtig, dass Themen wie Feminismus oder Gender-Diversity in KI einfließen.

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