John Brockman: „Was sollen wir von Künstlicher Intelligenz halten?“

John Brockman: „Was sollen wir von Künstlicher Intelligenz halten?“

Führende Wissenschaftler und ihre Meinung zu intelligenten Maschinen

Der bekannte Visionär und Herausgeber der Internetzeitschrift „Edge“ John Brockman fragte führende Wissenschaftler, Philosophen und Künstler, was sie von denkenden Maschinen halten. Entstanden ist ein heterogenes und vielfältiges Kompendium mit den verschiedensten Meinungen und Positionen zum Thema Künstliche Intelligenz.

Die Stärke des Buches ist seine Vielfalt: es wurden nicht bloß Experten aus dem Bereich des Machine Learning, Natural Language Processing oder anderer Teilbereiche befragt. Hier kommen auch bekannte Autoren wie Douglas Coupland oder Künstler wie Brian Eno zu Wort, Journalisten, Philosophen, aber auch theoretische Physiker, Astrobiologen, Informatiker und Psychologen. Schon die Vielzahl der Autoren, ihre unterschiedlichen Hintergründe und Herkünfte garantieren eine Vielfalt an Haltungen. Dystopien wechseln mit optimistischer Erwartung und kritische Distanziertheit mit Zukunftseuphorie. Jeder Autor komprimiert seine Meinung auf wenige Seiten, so dass man ein halbes Jahr mit den 186 Texten verbringen könnte – wenn man täglich einen liest.

Die Schwäche des Buches ist allerdings ebenfalls genau das: seine Vielfalt. Warum wurden genau diese Autoren ausgewählt? Warum nicht 300 Texte? 3000? Sicher würde man genug Statements finden können. Und so scheint die Auswahl etwas beliebig. Andererseits gibt es sicher schlechtere Titel, um sie auf dem Nachttisch liegen zu haben und ein bisschen zu blättern und zu schmökern.
 
Aus der Vielzahl picken wir ganz willkürlich drei interessante Positionen heraus: Der Kognitionswissenschaftler Donald D. Hoffmann möchte zu allererst über die natürlichen Intelligenzen nachdenken, die zuweilen gar nicht so intelligent sind. Er führt als Beispiel die Graugans an, die sich zärtlich um ihre Eier kümmert, bis sie einen Volleyball sieht. Über dieses Super-Ei vergisst sie dann die eigenen. Oder der männliche Prachtkäfer, der umherfliegt, um sich mit einem Weibchen zu paaren – außer, er erspäht eine Bierflasche. „Er verlässt das Weibchen für die Flasche und versucht, sich mit dem kalten Glas zu paaren, bis der Tod sie scheidet.“

Auch bei den Menschen sieht er Grenzen: „Verhaltensökonomen stellen fest, dass wir alle an vorhersagbar irrationale Wirtschaftsentscheidungen treffen. Kognitionspsychologen stellen fest, dass wir alle an ‚funktioneller Fixiertheit’ leiden, einer Unfähigkeit, bestimmte Probleme zu lösen.“ Für ihn ist der entscheidende Punkt: „Die Grenzen jeder Art von Intelligenz sind ein Motor der Evolution.“ Nun beteilige sich eben KI an dieser Evolution, dies sei aber kein Grund zur Beunruhigung. Denn der Mensch habe gelernt, mit jeder Art der Herausforderung umzugehen.

Der Wissenschaftsautor Tor Nørretranders versteht „Denkmaschinen“ vor allem als Chance zur Selbstreflexion. Sie sollen uns zu besseren Menschen machen: „Sie werden eine große Veränderung der Art und Weise bedeuten, wie wir etwas viel Subtileres und Fremdartiges als Maschinen verstehen – nämlich uns selbst. Maschinen das Denken beizubringen wird uns lehren, wer wir sind und wie wir denken. (...) Der Bau von Denkmaschinen wird uns zeigen, dass eine tiefe evolutionäre Weisheit in unseren sozialen Instinkten liegt: Langfristig zahlt es sich mehr aus, uneigennützig zu sein.“

Maria Spiropulu, Experimentelle Teilchenphysikerin, macht sich mehr Sorgen über Menschen, die „zu denken aufhören, als über intelligente Denkmaschinen, die die Macht übernehmen.“ Menschliche Intelligenz in ihrer Fülle, verbunden mit Sinnen, Gefühlen und Intuition, ist schwer nachzubilden. „Unendlich, unverbundene Wissensbündel werden bedauerlicherweise nutzlos und dumm sein. Wenn eine Maschine sich an eine Tatsache aus eigener Initiative, spontan und ohne Auslöser erinnert, wenn sie eine Idee nicht deshalb produziert und benutzt, weil diese Idee ein Bestandteil ihres Algorithmus des Programmierers war, sondern weil sie mit anderen Tatsachen und Ideen verknüpft ist, die über die Trainingsstichproben oder die Nutzenfunktion der Maschine hinausgehen  – dann werde ich zu hoffen wagen, dass wir einen völlig neuen Zweig einer künstlichen Spezies bauen können, die sich selbst trägt und mit unabhängigem Denken ausgestattet ist.“

Bis dahin sieht Spiropulu Wesen voraus, die menschlichen Ursprungs sind und deren Fähigkeiten durch maschinelle Eingriffe verbessert und verstärkt werden. Ob diese Mensch/Maschinen-Chimären dann nicht doch die schlimmere Dystopie als die Machtübernahme Künstlicher Intelligenzen sind, mögen die Leser selbst entscheiden.

Alles in allem bietet dieses Buch Denkanstöße und Gesprächsstoff und liefert neue Aspekte zum Thema Künstliche Intelligenzen. Ein kurzweiliges, anregendes Stück Wissenschaftsliteratur.

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