Wir Cyborgs - Gedankenlesen mit Elon Musk und Mark Zuckerberg


Der Technologievisionär und Internetpionier Elon Musk hat schon einige Firmen zu verschiedenen Themen gegründet: Finanzen, Autonomes Fahren, Reisen ins All, Künstliche Intelligenz. Nun will der Gründer von Paypal, Tesla Motors, SpaceX und Open AI die Forschung zur Leistungssteigerung des menschlichen Gehirns vorantreiben und gründete Neuralink. Das Wall Street Journal berichtete, Musk wolle mit den Gehirn-Computer-Interface-Technologien Sorge tragen, dass Menschen mit der beschleunigten Entwicklung von Künstlicher Intelligenz Schritt halten können. [1]

Neuralink ist im Grunde die logische Konsequenz aus Musks Engagement im Bereich Künstlicher Intelligenz. Er sagte einmal über Künstliche Intelligenz:

„Von den Dingen, über die ich nachdenke, um die Zukunft der Menschheit zu verändern, hat AI vermutlich die größte Macht, uns zu beeinflussen. Es ist sehr wichtig, dass wir dieses Thema richtig behandeln.“

Von Anfang an müsse sichergestellt sein, dass niemand etwas Böses damit anstellt, keine Diktatoren, keine finsteren Firmen dürfen die alleinige Kontrolle haben. Dies gehe nur, wenn AI demokratisiert werde. [2]


Zukunft erschaffen

Daher gründete er mit Anderen Open AI, eine Non-Profit-Organisation, die sich der Aufgabe verschrieben hat, „sichere Künstliche allgemeine Intelligenz (AGI) zu bauen und die Vorteile von AGI so weit wie möglich voranzutreiben.“ Auf ihrer Website schreibt Open AI: „Wir sind ein gemeinnütziges Forschungsunternehmen. Unsere Vollzeitkräfte von 60 Forschern und Ingenieuren widmen sich der Arbeit an unserer Mission, unabhängig von den Möglichkeiten des egoistischen Gewinns, die auf dem Weg entstehen. Wir konzentrieren uns auf die langfristige Forschung und arbeiten an grundlegenden Entwicklungen. Indem wir an der Spitze stehen, können wir die Bedingungen beeinflussen, unter denen AGI geschaffen wird. Wie Alan Kay sagte:

„Der beste Weg, um die Zukunft vorauszusagen ist, sie zu erschaffen.“ [3]

Das neue Unternehmen Neuralink soll ein „Whole-Brain-Interface“ schaffen, das vollständig ins Gehirn integriert ist. Somit würde man es gar nicht bemerken – anders als heutige Gerätschaften, die eine Verbindung zwischen Gehirnströmen und Computern schaffen und mindestens unhandlich sind. Dank dieser Schnittstelle könne das Gehirn sich drahtlos mit der Cloud verbinden, bzw. mit Computern und anderen Gehirnen, die auch die Schnittstelle hätten. Dieser Informationsfluss zwischen Gehirn und Außenwelt wäre so mühelos und würde sich ähnlich anfühlen wie Denken, erklärt der Blog Waitbutwhy [4] und vergleicht diese Erfindung mit einem Zauberhut.


Menschen sind Cyborgs


Vorerst gehe es aber nicht darum, das Gehirn zu erweitern, sondern nur darum, Krankheiten wie Epilepsie oder Parkinson zu lindern. Manchen Menschen ist diese Vorstellung unheimlich, dabei sind wir doch schon längst Cyborgs, findet Musk: „Du bist ein anderes Geschöpf als du es vor zehn oder 20 Jahren warst.“ Mithilfe von Handy und Laptop wären wir doch längst allwissend und allmächtig. [5]

Auch Cyborg e.V., Gesellschaft zur Förderung und kritischen Begleitung der Verschmelzung von Mensch und Technik, schreibt in seiner Grundsatzerklärung: „Technologie ist Teil von uns, Produkt unserer Gedanken, Wünsche und Ziele. Sie ist nichts Externes, sondern Ausprägung unserer gemeinsamen Kultur, Teil unserer Umwelt und Teil von uns selbst. Wir sind längst eine Cyborg-Gesellschaft, auch wenn die meisten Individuen sich nicht als Cyborgs fühlen. (...)

Die technologische Veränderung und Erweiterung des menschlichen Körpers zu seiner Anpassung an das Überleben im Weltraum und anderen Kultur- und Lebensräumen ist die natürliche, evolutionäre Weiterentwicklung des Menschen in der Tradition des Humanismus. Cyborgs sind Menschen. Der Mensch modifiziert seit jeher seinen Geist, indem er denkt und sich bildet. Körper und Geist machen in ihrer Gesamtheit den Menschen aus. Es ist daher widersinnig, die Modifikation des Geistes zu bejahen und die des Körpers abzulehnen.“ [6]


Menschen sind lahme Cyborgs


Auch wenn uns in diesem Sinne die technologische Erweiterung unseres Hirns in Form eines Smartphones zu Cyborgs macht, lässt die Verbindung – verglichen mit der Rechenleistung des Computers – zu wünschen übrig, da sie doch sehr langsam ist. Wer mit zwei Fingern seine Frage bei Google eingibt, um Zugriff auf die Allwissenheit zu bekommen, braucht mehrere Sekunden, allenfalls abgekürzt durch die Vorschläge der Suchmaschine. Die Ergebnisse, die dann gelesen werden müssen, bedeuten einen weiteren Zeitverlust: Erwachsene, nicht geübte Leser, die das Lesen nicht beruflich brauchen, lesen etwa 100 Wörter pro Minute. Ein durchschnittlicher, geübter Leser kann etwa 200 bis 300 Wörter pro Minute erfassen, sofern der zu lesende Text nicht übermäßig kompliziert ist. Schnelle Leser schaffen bis zu 1000 Wörter pro Minute. [7] Um wie viel schneller würde es gehen, wenn die Information direkt über eine Schnittstelle von der Maschine ins Gehirn gehen könnte, ganz ohne den Umweg der Umwandlung von Information in Schriftsymbole und umgekehrt.


Facebook direkt


Ohne Umwege möchte auch Facebook-Gründer Mark Zuckerberg Gedanken in Social Media-Posts verwandeln. Prinzipiell eine schöne Idee, wenn man per Gedankenkraft einem Freund eine Textnachricht schicken könnte. Facebook-Managerin Regina Dugan erklärte im April auf der Entwicklerkonferenz F8, Ziel sei es, auf 100 Worte pro Minute zu kommen. Sie führte Forschungen der Stanford-Universität an: Eine gelähmte Frau konnte dank implantierter Elektroden acht Worte pro Minute in den Computer schreiben. Für den Massenmarkt sei die Elektrodenmethode aber nichts – wer möchte sich schon Zugänge ins Hirn legen lassen. „Solche Technologie existiert heute nicht. Wir werden sie erfinden müssen“, sagte Dugan. Bei Facebook arbeite ein Team aus 60 Forschern daran, diesen Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Dank der Möglichkeiten künstlicher Intelligenz könne man sich dann auch in fremden Sprachen ausdrücken, denn der Gedanke könne auch in eine Sprache übertragen werden, die der Denkende selbst nicht spricht. [8]


Ist Gedankenlesen Science Fiction?


Bereits heute ermöglichen KI-Systeme, zum Beispiel eine Armprothese „per Gedankenkraft“ zu steuern. Intelligente Sensoren machen eine Prothese sogar sensibel, Anwender können also einen Gegenstand spüren, den sie anfassen. Enno Park von Cyborg e.V. sieht diese Entwicklungen kritisch: „Im medizinischen Bereich führen die bereits bestehenden Möglichkeiten dazu, den Menschen als reparierbare Maschine anzusehen. Das ist ein Trugschluss.“ Er erläutert dies am Beispiel des Cochlea-Implantates: „Es stimuliert den Hörnerv im Innenohr mit elektrischen Reizen, so dass im Gehirn ein Höreindruck entsteht. Um mit den Reizen umgehen zu können, muss ein Patient aber in der frühkindlichen Entwicklung einmal hören gelernt und die entsprechenden Hirnstrukturen herausgebildet haben. Das lässt sich in späteren Jahren nicht nachholen. Einen gehörlos geborenen Menschen im Erwachsenenalter noch mit einem Cochlea-Implantat zu versorgen, hat wenig Sinn, da dieser Mensch trotz Implantat meist nur unter größten Mühen ansatzweise gesprochene Sprache verstehen kann und weiterhin auf die Gebärdensprache angewiesen ist, während ein später im Leben ertaubter Mensch, der als Kind mal hören konnte, gute Chancen hat, durch das Implantat ein mehr oder weniger normales Gehör zurück zu erhalten.“

Auch ist das menschliche Gehirn sehr komplex und es darf bezweifelt werden, dass Musks oder Zuckerbergs Forschungen schnell Ergebnisse liefern. Ein Forscher verglich einmal den Stand der Forschung mit einem Spaziergang: Wenn das komplette Verständnis des menschlichen Gehirns einer Meile entspreche, so wären wir allenfalls drei Inches marschiert. Park bestätigt dies: „Eine besondere Schranke in der Entwicklung stellt das menschliche Gehirn dar. Zwar wird die Funktionsweise neuronaler Netze verstanden und kann beim Deep Learning erfolgreich genutzt werden. Das heißt aber nicht, dass ein Gehirn auf elektronischem Wege ausgelesen werden kann. Derzeitige Hirnimplantate sind vergleichsweise primitiv und stimulieren etwa grob ganze Hirnregionen, um die Symptome von Parkinson zu lindern. Gedankenlesen, das Programmieren des Gehirns oder Gehirnschnittstellen, die sich mit dem Internet verbinden lassen, sind bis auf weiteres Science Fiction. Entsprechende Voraussagen gehen davon aus, dass sich Mitte des Jahrhunderts eine Superintelligenz bildet, die dazu in der Lage sein könnte, das Denken und Fühlen im menschlichen Gehirn zu dekodieren. Es ist aber keinesfalls sicher, dass in absehbarer Zeit die nötige Rechenleistung zur Verfügung steht.“ [9]


Man muss nicht alles verstehen


Neuralink-Mitgründer Flip Sabes hält dem entgegen: „Es ist möglich, all diese Dinge im Gehirn zu dekodieren, ohne wirklich die Vorgänge im Gehirn zu verstehen. Es zu lesen, ist ein Ingenieurproblem. Seinen Ursprung und die Organisation der Neuronen im Detail in einer Weise zu verstehen, die einen Neurowissenschaftler im Kern befriedigen würde – das ist ein separates Problem. Und wir müssen nicht alle diese wissenschaftlichen Probleme lösen, um Fortschritte zu machen.“ [10]

Letztlich wird es die Zeit zeigen, was Neuralink, Facebook und alle anderen zu leisten im Stande sind. Doch ergeben sich aus ihrer Arbeit einige Fragen, die nicht allein mit dem Fortschrittsglauben der Amerikaner zu beantworten sind: Wer ist man, wenn man sich „technologisch erweitert“ bzw. mit dem Computer „verschmilzt“? Wo beginnt das andere, das Fremde? Wo endet das eigene Ich? Was passiert, wenn zwei Personen mit dem gleichen Computer vernetzt sind, wem gehört wieviel MB davon?

Park sagt: „Aufgrund der vielfältigen Einflüsse, denen der Mensch ausgesetzt ist und dessen mannigfaltige Interaktionen des Menschen mit seiner Umgebung von der physikalischen bis hin zur geistig-sozialen Ebene, ist grundsätzlich nicht von einer klaren Trennung eines Ich von seiner Umgebung auszugehen. Identität, Integrität, Unabhängigkeit werden immer auch durch die physische und soziale Umgebung des Menschen bestimmt. Die Sphäre des zum Ich gehörenden verschiebt sich aber schleichend auf die verwendeten Geräte.“

Die Fragen rund um Künstliche Intelligenz und Interfaces, um noch besser mit dem Computer zu kommunizieren, sind also nicht bloß technologischer Natur, sondern haben rechtliche, philosophische und ethische Aspekte, denen wir uns stellen müssen. Die Liedzeile „Die Gedanken sind frei“ ist eine Forderung, keine Feststellung, und somit nicht selbstverständlich. Freiheiten müssen stets aufs Neue verteidigt werden. Es muss hinterfragt werden, ob Interfaces Freiheiten erweitern oder einschränken. Danach müssen Musks und Zuckerbergs Bemühungen bewertet werden.

-----------------------------------------------------------------------------------------

Quellenangaben:

[1] The Wall Street Journal: Elon Musk Launches Neuralink to Connect Brains With Computers
vom 27.03.2017, (abgerufen am 19.07.2017)

[2] Y Combinator: Elon Musk: How to Build the future
(abgerufen am 19.07.2017)

[3] About OpenAI: Artificial general intelligence (AGI) will be the most significant technology ever created by humans (abgerufen am 19.07.2017)

[4] Wait but why: Neuralink and the Brain’s Magical Future
vom 20.04.2017, (abgerufen am 19.07.2017)

[5] Springer Professional: Elon Musk forscht an Cyborgs
vom 28.03.2017, (abgerufen am 19.07.2017)

[6] CyborgsWiki: Manifest
vom 08.11.2014, (abgerufen am 19.07.2017)

[7] Süddeutsche Zeitung: Lesen mit doppelter Geschwindigkeit: 1000 Wörter pro Minute
vom 16.09.2011, (abgerufen am 19.07.2017)

[8] Zeit Online: Facebook will Gedanken lesen
vom 20.04.2017, (abgerufen am 19.07.2017)

[9] Deutscher Bundestag: Ausschuss Digitale Agenda: Fachgespräch zum Thema „Künstliche Intelligenz“
vom 22.03.2017, (abgerufen am 19.07.2017)

[10] Wait but why: Neuralink and the Brain’s Magical Future
vom 20.04.2017, (abgerufen am 19.07.2017)

Kommentare

Kommentar von Siegfried Sauter-Fischer |

 

Viele der Ideen von Herrn Musk sind so visionär, dass sie schon dann spektakulär sind, wenn nur 10% realisiert werden kann, sie also zu 90% scheitern. Da Herr Musk trotzdem erfolgreich ist, denke ich dass das Scheitern oft mit eingerechnet ist. Ich denke, dass bei seinen Ideen sowieso 70% unrealistische PR enthalten ist, 20% sind Fehlversuche und 10% sind erfolgreich.

 

Die Ideen zum Gedankenlesen sind so vollkommen abwegig. Zwar kann man tatsächlich inzwischen bestimmten Gehirnaktivitäten Gehirnregionen zuordnen und die zugehörige elektrische Aktivität messen. Umgekehrt kann man dann aus der räumlichen Verteilung von Gehirnaktivitäten mit starken Einschränkungen auf den Inhalt schließen. Das geht erstaunlich gut. Insbesondere bei der Motorik ist die Körperstruktur relativ gut in einer räumlichen Hirnstruktur abgebildet. Daher kann man nach vielen Vergleichsmessungen tatsächlich ablesen, ob ich z.B, den rechten Arm heben will. Man kann auch unterscheiden, ob ich ein Bild oder ein Ton verarbeite und kann sogar erkennen ob hierbei mein Sprachzentrum aktiv ist und falls sie besonders stark sind, vielleicht sogar noch grob Emotionen auslesen (Wut, Freude, Trauer, etc.). Wenn man als 'Gedanke' interpretiert, wenn ich etwas sehe, was wütend macht und mich dazu bringt die Faust zu ballen, ja dann funktioniert 'Gedankenlesen' - wenigstens manchmal. Mit Lesen detaillierter struktureller Gedanken hat das aber nichts zu tun. Es ist auch ausgeschlossen, dass man differenzierte Gedanken jemals daran erkennen kann wo sie gedacht werden.

 

Den Ansatz zu nutzen, um ein Interface zu bauen, um mit einer KI mithalten zu können, ist geradezu lächerlich. Ich nehme Herrn Musk nicht ab, dass er daran glaubt.

 

Herr Musk ist aber nicht dumm. Es gibt einen Markt um grobe Gedanken zu lesen: Assistenzsysteme die durch Gedanken an Bewegungen gesteuert werden, etwa einen künstlichen Arm, den eine gelähmte Person zu ihrem Mund führen kann, indem sie sich vorstellt ihren eigenen Arm zum Mund zu führen.

Kommentar von Lars Buschmann |

 

Ich stimme vollkommen überein, dass es eine Definitionsfrage ist, ab wann man von Gedankenlesen spricht.

 

Ich habe einmal einen Artikel darüber gelesen, der es Querschnittgelähmten Menschen ermöglicht Pong zu spielen, in dem sie einen Helm aufsetzen der leichte Stromimpulse misst und diese auswertet. http://www.berliner-zeitung.de/gedankenlesen

 

Ich denke, wenn man diesen Gedanken mit der heutigen Technik verbindet und dabei noch maschinelles Lernen mit einbezieht, dürfte es durch aus möglich sein, auch komplexere Spiele wie Rennsimulationen oder ähnliches zu spielen.

 

Solche Ergebnisse finde ich gerade für Querschnittsgelähmte sehr schön, da diese einiges an Lebensqualität wieder gewinnen.

 

Ob es jemals reichen sollte, um komplexe Gedanken auszulesen, wage ich auch stark zu bezweilfeln.

Einen Kommentar schreiben
Entschuldigung

Ihr Browser ist leider nicht aktuell genug.
Um diese Webseite zu benutzen, benötigen Sie einen aktuellen Browser
Wir empfehlen einen der folgenden Browser in der aktuellsten Version zu installieren.

Auf iOS Geräten sollte mindestens die Betriebssystem Version iOS 9 installiert sein.

Mozilla Firefox Google Chrome Microsoft Edge Internet Explorer